Gender
Bundesministerin Renate Schmidt hat an der Humboldt-Universität in Berlin das GenderKompetenzZentrum eröffnet. Auszüge aus ihrer Rede:
"Das heißt, auch die Berücksichtigung der männlichen Sichtweise und Lebenssituation muss in scheinbar reine Frauenthemen eingebracht werden. (...)
Bei Gender Mainstreaming jedoch geht der Gleichstellungsauftrag explizit an jedes Fachressort und auch an die Regierungsschaltstelle, an das Kanzleramt. In der Gender-Theorie ist also nicht die Bundesfrauenministerin dafür zuständig, dass der Innenminister den Gleichstellungsauftrag im Bereich der Innenpolitik erfüllt, sondern der Innenminister trägt selbst dafür die Verantwortung, hat dafür Sorge zu tragen, dass in seinem Haus nach der Gender-Mainstreaming-Methode gearbeitet wird und trägt auch alleinig die Ergebnisverantwortung. (...)
Die Chance des Gender Mainstreaming-Ansatzes besteht jedoch gerade darin, dass zum Wohle beider Geschlechter analysiert, geplant und beschlossen werden soll - das heißt, auch Männer werden von der Geschlechterdifferenziertheit des politischen und administrativen Handelns profitieren, wenn auch vielleicht in anderer Form, als sie sich heute Profit vorstellen. (...)"
Gender Mainstreaming
Können die nicht Deutsch reden? - Gender Mainstreaming und wie es vor sich geht
(jf) Was für ein Wort: Gender Mainstreaming! Dabei haben wir noch Glück. Denn in Schweden, einem seiner Ursprungsländer, heißt es Jämtegrering, abgeleitet von jämställdhet (=Gleichstellung). Die offizielle deutsche Übersetzung des Begriffs auf der Ebene der Europäischen Union lautet: „Gender Mainstreaming besteht in der (Re)Organisation, Verbesserung, Entwicklung und Evaluierung der Entscheidungsprozesse, mit dem Ziel, dass die an politischer Gestaltung beteiligten Akteure und Akteurinnen den Blickwinkel der Gleichstellung zwischen Frauen und Männern in allen Bereichen und auf allen Ebenen einnehmen.“ Hilft es weiter, ein englisches Wortungetüm durch ein deutsches Satzungetüm zu ersetzen? Wörtlich heißt Gender: soziales Geschlecht. Und Mainstreaming: in den Hauptstrom bringen. Ein Sonderthema wird zu einem der Hauptthemen.
Neuer Versuch. Peter Döge, Männerforscher aus Berlin, übersetzt Gender Mainstreaming mit „Chancengleichheitsprüfung“ und findet: „So ähnlich, wie eine Industrieanlage eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchlaufen muss, führen Organisationen, in denen Menschen arbeiten, eine Chancengleichheitsprüfung ein.“
Dass auf der Welt etwa je zur Hälfte Frauen und Männer leben, heißt noch längst nicht, dass auch die Verteilung von bezahlter Arbeit, Macht, Einfluss, Geld, Ressourcen, sozialer Arbeit, Familienarbeit und Lebensrisiken zwischen Frauen und Männern halbe-halbe aufginge. Außerdem ist das Geschlecht nicht nur eine biologische Tatsache, sondern auch ein anerzogenes und zugeschriebenes Verhalten. Um Gleichberechtigung kümmern sich noch immer die Frauen. Die Männer gucken vielfach nur zu. Allerdings profitieren auch sie nicht nur von der immer noch vorherrschenden Rollenverteilung. Männer leben kürzer, sterben häufiger an suizidalen Handlungen, werden öfter Opfer von Unfällen und Gewalt.
Hier setzt die Chancengleichheitsprüfung an: „Sowohl Frauen als auch Männer sollen einen ungehinderten, von sozialen Rollenzuweisungen freien Zugang zu allen Bereichen der Politik und des öffentlichen Lebens haben. Allein die Tatsache, eine Frau oder ein Mann zu sein, soll weder qualifizieren noch disqualifizieren“, so das rheinland-pfälzische Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend. „Gender Mainstreaming hilft dabei, zu erkennen, dass es keine geschlechtsneutrale Politik gibt, sondern dass sich politische Entscheidungen tatsächlich unterschiedlich auf die Lebensverhältnisse von Frauen und Männern auswirken.“ Und desgleichen alle möglichen anderen Entscheidungen.
Wie läuft so eine Chancengleichheitsprüfung ab? Christina Clotz-Blankenfeld, ehemals Gleichstellungsbeauftragte der Evang. Landeskirche in Baden: „Gender Mainstreaming heißt, soziale Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern in allen Bereichen und bei allen Planungs- und Entscheidungsschritten immer bewusst wahrzunehmen und zu berücksichtigen. Alle Vorhaben werden so gestaltet, dass sie auch einen Beitrag zur Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern leisten. Hilfreiche Fragen sind: Wie sieht in dem betreffenden Bereich das Geschlechterverhältnis aus? Wie wirkt sich das geplante Vorhaben auf die Situation von Frauen und Männern aus? Wie kann ein Beitrag zur Förderung der Gleichstellung geleistet werden? Maßstab ist dabei immer: Dient das Vorhaben der tatsächlichen Gleichberechtigung von Frauen und Männern? Dafür gibt es allerdings keine Checkliste, kein fertiges Raster. Das gemeinsame Reflektieren ist unerlässlich.“
So weit, so gut. Fragen bleiben offen. Wie sieht es beispielsweise mit der theoretischen Fundierung von Gender Mainstreaming aus? Ist sie ausschließlich feministisch oder welchen Teil trägt die Männerforschung bei? Wer setzt die Standards für Gender-Trainings, wer darf sich Gender-Trainerin oder Gender-Trainer nennen? Sind kraftvolle Frauen und Männer weiterhin gefragt oder eher nur die reflektierten, willigen? Gut zu wissen, dass Gender Mainstreaming kein in sich geschlossenes Programm ist, sondern ein stetiger Prozess, der glücklicherweise um sich greift. Chancen für Chancengleichheit. Schon wieder so ein Wortungetüm.
Joachim Faber
"Alles Gender oder was?" - unter diesem Titel haben die Evangelische Frauenarbeit in Deutschland und die Evangelische Männerarbeit der EKD eine Broschüre herausgegeben, die Gender und Gender Mainstreaming unter verschiedenen Blickwinkeln thematisiert. Darin geht es um geschlechtsspezifische Arbeit in der Evangelischen Kirche, um theologisch-ethische Aspekte der Geschlechtergerechtigkeit und um die Aufgaben der Frauen- und der Männerarbeit im Zusammenhang des Gender Mainstreaming. Bestelladresse: Männerarbeit der EKD, Garde-du-Corps-Straße 7, 34117 Kassel, Tel. 05 61/ 71 01 81, info@maennerarbeit-ekd.de . Weitere Infos unter www.maenner-online.de .











