„10 Gebote“ oder: „endlich frei !“

 

Impuls vom 21.02.2012 - Sonntagmorgen-Begegnungen: Wolf-Dieter Steinmann trifft Sylvia Schütte, Chorsängerin beim Poporatorium „10 Gebote“ aus Ludwigshafen

Mit der Aufführung des Pop-Oratoriums "Die 10 Gebote" geht am Sonntag in Mannheim die Konzertreihe 366+1 in Baden zu Ende. Rund 2.800 Sängerinnen und Sänger aus der Region bringen das Stück von Michael Kunze und Dieter Falk auf die Bühne der SAP-Arena. SWR-Rundfunkpfarrer Wolf-Dieter Steinmann hat mit einer Mitwirkenden gesprochen.

Interview anhören:

39 Jahre „Wüste“

Am 26. Februar ist ein großer Tag für sie. Großer Auftritt in der SAP Arena in Mannheim. Sylvia Schütte singt im riesigen Chor, zusammen mit 2800 anderen. Beim Poporatorium „10 Gebote“.

Sylvia Schütte: "Ich fühl mich als Teil eines Ganzen wie von so einem Puzzle. Es ist eine Ehre für mich und es ist für mich Gänsehaut pur. Da hab ich mir praktisch einen Traum verwirklicht."

Ein Traum, obwohl sie nur eine von 2800 ist? Ums persönlich „groß raus kommen“ kann es der Ludwigshafenerin beim Singen also nicht gehen.

"Singen ist meine Leidenschaft und ich denke bei 2800, wenn man mal einen falschen Ton singt, das fällt nicht so auf. Hauptsache man ist mit Herz dabei."

Das ist sie bestimmt. Und die Message des Poporatoriums hat Sylvia Schütte gepackt: Dass Mose die Juden aus der Unterdrückung führt. Sie hat das Gefühl: ‚Dabei geht es auch um mich, wenn Menschen durch Gott zur Freiheit finden‘.
Die SAP Arena in Mannheim ist übrigens ausverkauft am kommenden Sonntag. Wenn Sylvia Schütte beim Poporatorium auftritt.

„10 Gebote“: Die biblische Story vom Auszug der Juden aus Ägypten als Poporatorium: 19 Songs. Orchester, Band und Solisten und ein Chor aus 2800 Sängern  und Sängerinnen.
Wir haben vor unserer Begegnung nur kurz telefoniert. Aber Sylvia Schütte nimmt schnell Kontakt auf. Das passt auch zu ihrer Arbeit im Call Center. Sie redet nicht um den heißen Brei herum, auch wenn es um ihre Schattenseiten geht.
Und sie singt leidenschaftlich gern. Hat sich spontan angemeldet, als sie im Fernsehen vom Projekt „10 Gebote“ gehört hat. Sie freut sich, eine von 2800 zu sein, wenn die Geschichte von Mose lebendig wird. Sylvia Schütte fasziniert, dass Gott Menschen befreit auch gegen Widerstände.

"Am Schluss muss sich der Pharao dann doch beugen und lässt das Volk ziehen. Dann geht der Mose auf den Berg die 10 Gebote holen. Bis er runterkommt, haben die sich das Goldene Kalb gemacht und dann ist er stinksauer."

So kann man das sagen, wenn man aus Ludwigshafen kommt. Sylvia Schüttes Art gefällt mir. Sie fühlt mit Zippora, die den Mose liebt und unterstützt. Gekannt hat Sylvia Schütte die alte Geschichte schon. Aber erst beim Singen kommt sie ihr ganz nah.

"Ich hab dann auch schon mal bei den Proben geweint, weil es mich so sehr berührt hat. Wenn die Zippora singt: „Gott kennt den Weg, auch wenn es dunkel wird.“ So empfinde ich das auch in meinem Leben. Da wird auch gesungen: „glaub an dich, glaub an mich – also an Gott. Weil fragt man manchmal 5 Leute, kriegt man 5 verschiedene Meinungen und dann hört man nicht mehr, was Gott sagt."

Sylvia Schütte nimmt sich Jesus zum Vorbild. Der hat die Gebote in zwei zusammen gefasst.

Erstmal: ‚Liebe Deinen Gott mit Herz, Seele und Verstand‘ und das zweite Gebot, das hat uns ja Jesus dagelassen: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“. Wer die zwei Sachen beherzigt, hat eigentlich alles andere drin: Weil ich töte ja niemand, den ich liebe, ich bestehle niemand, den ich lieb, ich lüg niemand an, den ich lieb.

Gebote nicht als ‚Paragraphen‘ befolgen, sondern von innen heraus, weil man im anderen den Nächsten sieht. Sehr aktuell findet sie das 8. Gebot. Für die Arbeit.

"Du sollst kein falsch Zeugnis reden wider Deinen Nächsten. Das heißt einfach, man soll nicht tratschen über andere, Lügen verbreiten und hetzen, sondern auf den zugehen, das ansprechen unter vier Augen oder sogar dem zu helfen. Weil das ist wahre Größe. Früher hätte ich wahrscheinlich mitgemacht, um die Coolste zu sein. Aber der Coolste ist, glaube ich der, der da ein bisschen drüber steht und versteht, Frieden zu schlichten."

„Früher die Coolste.“ Heute ist sie lieber leidenschaftlich. Christlich. Ihr Leben hat sich verändert mit 39. Fast wie bei den Juden in der Bibel, hat sie das Gefühl. Bei denen hat die Wüstenwanderung auch 40 Jahre gedauert.

"Was ich gelernt hab, seit ich Christin bin, dass es wichtig ist, dass man vergibt. Sonst fällt das auf einen selber zurück. Besser ich vergebe, oder ich entschuldige mich selber, wenn ich was falsch gemacht habe. Und dann kann man wieder neu anfangen."

Ich spüre ihre Begeisterung und ihre Überzeugung: Ernstlich als Christin zu leben, macht Sinn.

"Man muss nicht perfekt sein. Man kann auch später noch mal umkehren. Ich habe mich als Erwachsene taufen lassen und ich finde das richtig praktisch, dass ich ohne Sünde noch mal ganz neu anfangen darf. Jetzt versuch ich natürlich die Gebote zu halten, aber das kann man nicht."

Noch mal neu anfangen

Sylvia Schüttes Leben war nie leicht und geradlinig gelebt hat sie auch nicht, sagt sie: Schwieriges Elternhaus. Drei Kinder, mit 3 Männern. Das dritte trägt sie gerade im Bauch. Freut sich riesig darauf. Jonathan soll er heißen, zu deutsch „Geschenk Gottes“. Sylvia Schütte hat mit 42 das Gefühl, dass ihr Leben noch mal neu anfängt. Und richtig wird.

"Es waren so viele Sünden bei mir zu vergeben und ich habe in so einem Frauenkreis gesagt- geschützt - : ‚Ich habe gelogen, ich habe gestohlen, ich habe Drogen genommen, ich habe die Männer oft gewechselt. Und da haben die gesagt: ‚Die hat Gott am allerliebsten.‘ Da dachte ich ‚huch‘. Und da hab ich so nach und nach ausgepackt und hab das alles auf den Tisch gelegt. Und das hat mir so gut getan. Ich hab wirklich gespürt, er vergibt mir und dann hab ich mir erst mal selber vergeben. Weil da scheitern viele. Die denken dann: Sie sind es nicht wert, aber jeder ist es wert und dann ist für jeden der Weg zu Gott frei, durch Jesus."

Allerdings: Ihre baptistische Gemeinde macht ihr den Neuanfang nicht leicht. Im Gegenteil. Man ist fundamentalistisch streng. Weil sie unverheiratet mit dem Vater ihres werdenden Kindes zusammenlebt. Was Sylvia Schütte erzählt, finde ich schlimm.

"Ich habe z.B. eine Mädchengruppe geleitet, was mir sehr viel Spaß gemacht hat. Und da muss ich jetzt pausieren, weil ich ein schlechtes Zeugnis bin, und das hat mir sehr weh getan."

Verlassen will sie die Gemeinde nicht. Weil sie endlich irgendwo angekommen ist. Sylvia Schütte will nicht mehr weglaufen, wenn es schwierig wird. Aber auch ihren eigenen Weg gehen.

"Ich denk, dass Gottes Liebe und Gnade wirklich größer ist als jedes Gesetz. Ich fühl mich trotzdem gesegnet und vielleicht kann die Gemeinde auch an der Geschichte wachsen."

Zu hoffen wäre es, dass die Gemeinde sich von ihr „bekehren“, der Liebe Gottes mehr zuzutrauen. Vor allem aber hoffe ich, dass Sylvia Schütte ihre Überzeugung durchhalten kann. Die findet  sie, indem sie intensiv Bibel liest.

"Ich lese morgens schon die Tageslosung. Das ist wie so ein Antivirusprogramm, das ich morgens schon aktiviere, meine Firewall. Ich geh einfach gut mit in den Tag."

Das regt an, wie lebensnah sie spricht. Sie traut sich vom Glauben und Gott ganz „weltlich“ zu reden. Ich bin da zurückhaltender. Aber vielleicht gut, wenn man sich das traut.

"Ich fühl mich frei, weil ich nehme mir einfach die Freiheit. Ich höre mehr auf die Bibel und auf Gottes Wort als auf andere Menschen. Gerade das Neue Testament, das spricht mich natürlich sehr an, weil da gibt es ja immer wieder eine Rettung am Schluss, wenn man es ehrlich meint."

Hoffentlich vergesse ich das nie: ‚Die Bibel setzt auf Hoffnung’. Auch in Sackgassen und Niederlagen. Es macht Sinn, für ein besseres Leben zu kämpfen. Ich hoffe sehr, dass sie das auch erlebt. Und dass ihr das Singen nie vergeht. Und Ihnen auch nicht.

"Wenn man noch nicht christlich ist, kann man vielleicht durch die Musik den Zugang dazu gewinnen. Mein Herz haben vor allem die Gesänge in der Kirche berührt. Da bin ich zum Glauben gekommen. Da will ich jedem Mut machen, ob Christ oder nicht Christ, Gott freut sich über jeden, der singt."

 

(Das Interview mit Sylvia Schütte wurde zuerst in der Reihe "Begegnungen" in  SWR 1 am 19.02.2012 ausgestrahlt.)

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