Epiphanias - Musik und der Holocaust

 

Impuls vom 25.01.2012

Dr. K. Müller

„Über dir geht auf der HERR und seine Herrlichkeit erscheint über dir“ Jes 60,2
(im Zusammenhang mit der Kantate von Johann Sebastian Bach BWV 14 „Wär Gott nicht mit uns diese Zeit, so soll Israel sagen“)

Nun wollten wir heute, liebe Gemeinde, noch einmal richtig schwelgen im Lichte der Wahrheit von oben, am Letzten Sonntag nach Epiphanias, dem Erscheinungsfest, bis die Tage wieder düsterer werden in Richtung auf Leiden und Passion. Schwelgen  und sich Sonnen im Licht, mit einer schönen Musik von Johann Sebastian Bach (…)
Da kriegt es der letzte lichtvolle Sonntag nach Epiphanias zu tun mit dem vorgestrigen Gedenktag an die Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft, dem 27. Januar.
Da muss sich das eben begonnene Neue Jahr in seiner ganzen Unschuld gleich aussetzen dem Vermächtnis der Geschichte, das den 20. Januar vor 70 Jahren markiert als Startschuss dessen, was man die Endlösung der Judenfrage genannt hat, längst schon vorher beschlossen, aber akribisch geplant auf einer Konferenz am malerischen Wannsee zu Berlin.
Da mischen sich in die Töne - des mit hohen Erwartungen verbundenen „Jahres der Kirchenmusik 2012“ - nachdenkliche Stimmen über die Rolle und die Bedeutung der Musik in der Schoa.

Es geht nicht einfacher und nicht einfältiger – das Leben mutet uns viel Verwickeltes und Gegensätzliches zu; wir lassen diese Verwicklungen und Gegensätzlichkeiten nicht draußen vor der Kirchentür, sondern bringen sie mit und legen sie dem lebendigen Gott vor die Füße mit Furcht und Zittern und Demut.

Wir halten die Fäden zusammen und feiern die Epiphanie des Herrn, werden gewahr der Gottesfinsternis über Auschwitz,
nehmen den Ton der Bachschen Kantate für diesen Epiphaniassonntag auf und ihre Worte, die eigenartig hin- und her spielen zwischen realer Hoffnung und irrealer Erwartung:
„Wär Gott nicht mit uns diese Zeit, so soll Israel sagen, wär Gott nicht, wir hätten müssen verzagen“ –
ich weiß nicht, ob es noch eine Bachkantate gibt mit so vielen „hätte“, „würde“, „wäre“, „müsste“, „sollte“ – wie viele sind in den Lagern verzweifelt an diesem irrealen Realis „wär Gott nicht mit uns diese Zeit“
und versuchen schließlich durch die Musik von Bach hindurch zu hören auf „Des Lagers Stimme“, auf die Rolle der Musik im Holocaust.

 

Gottes Erscheinen ist wie ein Sonnenaufgang über dem Leben eines Menschen. Hell wird es da und warm. Die Strahlen fallen auf das Gesicht eines Menschenkindes und machen es zu einem Kind des Lichts. Gott für uns wie ein Sonnenaufgang! (…)

„Über dir geht auf der HERR und die Herrlichkeit Gottes erscheint über dir.“ Jesaja 60,2
Ein wunder-schönes Wort! Weil es ein Wunder ist, dass es nicht dunkel bleibt über den Menschen. Das ist schön. Über dir geht auf der HERR und die Herrlichkeit Gottes erscheint über dir. Das ist die Sprache der Epiphanie.
Gottes Erscheinen ist wie ein Sonnenaufgang über dem Leben eines Menschen. Hell wird es da und warm. Die Strahlen fallen auf das Gesicht eines Menschenkindes und machen es zu einem Kind des Lichts. Gott für uns wie ein Sonnenaufgang! (…)
Wie ein strahlender Akkord und ein reich gestalteter Eingangschorus, wie ihn uns Johann Sebastian Bach in so vielen Kantaten zelebriert.
Über dir geht auf der HERR und die Herrlichkeit Gottes erscheint über dir.
Das gilt, das bleibt uns, davon kommen wir her. Das ist das Deutewort zu Epiphanias, zum gesamten Weihnachts- und Epiphaniasfestkreis, an dem wir das Kommen Gottes feiern. Gott ist im Kommen.


„Über dir geht auf der Ewige, Adonai, seine Ehre, kavod legt sich über dich“ – das sind Israels Worte, seit sie Jesaja vor zweieinhalbtausend Jahren zum ersten Mal ausgerichtet hat, 500 Jahre vor der wunderbaren Geschichte im Stall zu Bethlehem im jüdischen Lande – da war es Israels Stimme „kvod adonai alaich zarach“ – Gott mit dir, Gottes Licht bei dir, Israel, in den Düsternissen aller Sklavenhäuser, die Menschen bloß einander bereiten können.
Ja, die Dunkelheiten haben sich schon früh angedeutet und ausgetobt in Israels Geschichte. (…)

 

Wir dürfen als Christen das Fest der Epiphanie in Worten und Liedern nicht mehr länger um den Preis einer Verdunklung der jüdisch- oder andersglaubenden Mitmenschen feiern.

In solchen Zeiten entdeckte Israel das Wort neu und noch einmal anders: Die Herrlichkeit Gottes erscheint über dir, wörtlich: die Schwere Gottes (kavod) legt sich über dich. (…) Die Leichtigkeit des Seins ist nicht unbedingt verheißen denen, die unter dem Glanz der Gottesschwere wandeln. (…)

„Wär Gott nicht mit uns diese Zeit, so sage Israel“? Nein, viele in Israel konnten es nicht mehr sagen in den Lagern von Sobibor, Treblinka und Auschwitz, haben die Strichlein über dem „a“, die es im Hebräischen gar nicht gibt, nicht mehr gesetzt und gesagt: „Es war Gott nicht mit uns diese Zeit“. In der Zeit der Schoa, der äußersten Katastrophe, der Vernichtung, ausgegangen vom Land eines Martin Luther, eines Johann Sebastian Bach, eines Immanuel Kant. „Gott war nicht mit uns diese Zeit.“
Es ist eine bleibende Wunde in der Kirchengeschichte, dass viele Christen und Theologen mitgemacht haben. Glauben wir nur nicht, ein Hermann Maas in Heidelberg hätte allzu viele Unterstützer gehabt in seiner Zeit. (…)

Wir dürfen als Christen das Fest der Epiphanie in Worten und Liedern nicht mehr länger um den Preis einer Verdunklung der jüdisch- oder andersglaubenden Mitmenschen feiern.

 

Gibt es im Grauen des Holocaust Musik? Die Gottesgabe der Musik in den Lagern der Vernichtung? Ladislaus Süß, ein Entronnener, sagt: „Musik war für mich eine Durchhalteparole im KZ, nur – es gab sie nicht.“ Doch, schon, wir wissen das. (…)
Die Musik im Lager bewegt sich zwischen Folter und Bedürfnis.
Es gibt da nichts zu idealisieren – die meisten Opfer starben sang- und klanglos. Und doch existiert die Musik, sie ist, solange der Mensch ist. Sie ist Form des Widerstands – in all der ohnmächtigen Dynamik, die eben in Musiknoten steckt; sie ist Kraftquelle, aber auch Gegenstand teuflischen Missbrauchs. Missbrauchte und vergewaltigte Musik – die Nazi-Bewegung wäre nur halb so erfolgreich gewesen ohne die Musik. „Ein Lied!“ schreien die SS-Posten, wenn es zum Appell geht. „Spielt auf! Musik!“ man braucht und missbraucht sie zum Empfang der Todgeweihten an den Toren von Auschwitz.
Im Todeslager gab es Musik. (…)

 

Das ist das Perverseste, was der Musik je passiert ist in der Menschheitsgeschichte.
„Spielt lauter“, um das Morden zu überspielen und zu übertönen.

Ja, in Auschwitz gab es – vom Lagerkommandanten verordnet - Frauenorchester und Männerorchester und Blaskapellen – Musik, um den Tod zu umspielen und zu verbrämen – und: ihm zu entgehen, vorläufig jedenfalls. „Solange ich spiele, lebe ich noch!“ Und wenn es ein Unterhaltungskonzert für die Lagerleitung ist. (…)

Anita Lasker-Wallfisch, ein Orchestermitglied, erinnert sich: „Wir gaben Konzerte, ob man es glaubt oder nicht, an Sonntagen, manchmal im Freien zwischen Lager A und B oder im Revier. Außerdem mussten wir immer bereit sein, etwas zu spielen, wenn SS-Leute in unseren Block kamen. Sie kamen meistens um sich von den „Strapazen“ zu erholen, bei denen sie entschieden, wer leben und wer sterben sollte. Bei einer solchen Gelegenheit spielte ich die Träumerei von Schumann für Dr. Mengele, dem berüchtigten Lagerarzt….“ (…)
Das ist das Perverseste, was der Musik je passiert ist in der Menschheitsgeschichte.
„Spielt lauter“, um das Morden zu überspielen und zu übertönen.

Jacques Strumsa, ein Jude aus Saloniki, der Geiger von Auschwitz, an seinem Unterarm eingebrannt die Häftlingsnummer 121097, wurde sonntags vom Lagerleiter ins Lazarett abkommandiert, um Mozart und Bach zu spielen. Jahrzehnte später begegnet Jacques Strumsa in einer Cafeteria in Haifa einem alten gebrochenen Mann, der ihn urplötzlich forschend und dann leicht lächelnd ansieht und sagt: „Jacques Strumsa, der Geiger von Auschwitz, Sie haben damals im Lager Bach und Mozart gespielt – das hielt mich am Leben!“
Musik zwischen Folter und Lebensborn.

 
Zu viele haben die Befreiung nicht mehr erlebt und die Heimat nicht mehr gesehen. Es hat sich die Gottesfinsternis über ihnen nicht mehr gelichtet, so dass sie hätten rufen können wie wir es heute tun und wie wir es erhoffen für uns und alle Menschen dieser Erde:
„Über dir geht auf der Herr und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“

Alles begann mit einem Lied – schon 1933 im KZ Börgermoor im Emsland entstanden -, das dann sehr bekannt wurde und geradezu zu einem der antifaschistischen Widerstandsliedern - Das Lied von den Moorsoldaten:

„Wohin auch das Auge blicket, Moor und Heide nur ringsum / Vogelsang uns nicht erquicket, Eichen stehen kahl und krumm. / Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor.“
Das ist vorsichtiger, aber doch deutlicher Ausdruck des Protestes gegen das Arbeitslager, gegen Zwangsarbeit und Entmenschlichung. Nur die Musik, nichts anderes konnte mehr ein solcher Hort sein, sich wenigstens noch etwas wie ein Mensch zu fühlen. Und die letzte Strophe endet – hoffnungsvoll, aber vielleicht auch illusorisch:
„Doch für uns gibt es kein Klagen, ewig kann’s nicht Winter sein. / Einmal werden froh wir sagen: Heimat, du bist wieder mein. / Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit dem Spaten ins Moor!“

Wenn wir heute und während dieses ganzen Jahres der Kirchenmusik Bach spielen und all die wunderschöne Musik, dann ist uns die moralische Verpflichtung mitgegeben, das Lied der Moorsoldaten mitzuhören als ein Continuo, eine mittragende Begleitstimme, die den Tausenden und Millionen weiter Stimme gibt, denen man den Mund verboten hat und die man für immer zum Schweigen brachte.  

Zu viele haben die Befreiung nicht mehr erlebt und die Heimat nicht mehr gesehen. Es hat sich die Gottesfinsternis über ihnen nicht mehr gelichtet, so dass sie hätten rufen können wie wir es heute tun und wie wir es erhoffen für uns und alle Menschen dieser Erde:
„Über dir geht auf der Herr und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“

aus einer Predigt von Dr. Klaus Müller, Landeskirchlicher Beauftragter für das christlich-jüdische Gespräch - für ekiba gekürzt.