Digitale Netzwerke sind keine Modeerscheinung

 

Akademietagung über die Chancen und Risiken von Facebook, Twitter und Co

Prof. Dr. Peter Henning

Prof. Dr. Peter A. Henning



Prof. Dr. Franz-Josef Röll

Prof. Dr. Franz Josef Röll

Karlsruhe, (15.01.2012). Soziale Netzwerke im Internet und immer leistungsfähigere mobile Kommunikationsgeräte verändern unsere Gesellschaft mit rasantem Tempo. Inzwischen sind schätzungsweise 2,5 Milliarden Menschen weltweit über das Internet miteinander verbunden hin, die vernetzte Informations- und Kommunikationsgesellschaft ist keine Zukunftsmusik mehr. Auf der Tagung "Facebook, Xing, Twitter & Co." der Evangelischen Akademie Baden gemeinsam mit dem Verband Ingenieure für Kommunikation (IfKom) wurde nach den Risiken und Chancen dieser Entwicklung gefragt.

Internet ist eine gesellschaftliche Frage

Prof. Dr. Peter A. Henning (Hochschule Karlsruhe), sagte zur Eröffnung der Tagung in Bad Herrenalb, dass "Computer vorwiegend als Kommunikationsmittel verstanden werden müssten". Soziale Netzwerke wie Facebook gewönnen zunehmend auch für die gesellschaftliche und politische Entwicklung an Bedeutung.
An Videoclips aus Youtube zeigte er die Notwendigkeit auf, jungen Menschen Medienkompetenz zu vermitteln, erörterte danach die Möglichkeiten, die sich für das Lernen aus der "Cloud" ergeben.  Das Internet biete jedoch auch Gefahren für eine extrem schnelle Radikalisierung.

Neue Dimension der Vernetzung

Dr. Ralf Schneider (KIT Karlsruhe) wollte die Sozialen Netzwerke weniger als Innovation denn als neue Dimension der Vernetzung verstanden wissen: Während sich Netzwerke einst auf die Familie und die Dorfgemeinde beschränkten, gebe es heute dank der mobiler Geräte keine Einschränkung für Netzwerke mehr. Die Nutzer der neuen globalen Netzwerke sollten allerdings wissen, dass sie nicht von Philanthropen gemacht seien, vielmehr seien sie "lukrative Geldmaschinen für diejenigen, die sie erfunden haben".

Schwache Beziehungen mit Innovationskraft

Der Medienpädagoge Prof. Dr. Franz Josef Röll (Hochschule Darmstadt) sprach vom Vorteil "schwacher Beziehungen" in sozialen Netzwerken. "Starke Beziehungen" seien nur mit wenigen Menschen möglich, etwa innerhalb einer Familie. Deren kontraproduktive Seite sei es aber, im Laufe der Zeit Redundanzen zu erzeugen. Schwache Beziehungen böten oft mehr Innovationskraft: Mit der Zunahme solcher Kontakte wüchsen die Möglichkeiten, sich als Person zu entwickeln, neue Informationen zu gewinnen und "soziales Kapital" zu bilden.

Der Einzelne wird zur Marke

Dies kann Sinn machen in einer Gesellschaft, in der die Stationen des Lebens seien nicht mehr wie früher eindeutig sind. Der Kommunikationswissenschaftler Kai Beiderwellen (Hochschule Mannheim) sagte, dass das Leben zunehmend als Wettstreit und Prozess verstanden werde: "Der Einzelne muss sich überall wie eine Marke auf Märkten positionieren". Die Sozialen Medien dienten vor diesem Hintergrund der Selbstvergewisserung. Es gehe also gar nicht so sehr um neue Kontakte im Internet, sondern eher darum, wie viele Kontakte jemand besitzt.

Datenschutz

Die Frage, was privat und was öffentlich ist, stellt sich in den Netzwerken ganz neu. Die Ergebnisse der Frauenhofer-Studie "Privatsphärenschutz in Soziale-Netzwerke-Plattformen" stellte Annika Selzer (Frauenhofer Institut Darmstadt) vor und gab Empfehlungen zur sicheren Nutzung der Plattformen. Sie griff die in den letzten Wochen und Monaten häufig diskutierte (datenschutzrechtliche) Problematik von Social Plugins auf und zeigte Lösungsmöglichkeit für diese Problematik auf.

Keine Modeerscheinung

Für Prof. Dr. Michael Gröschel (Hochschule Mannheim) sind "Social Media" keine Modeerscheinung, die wieder bald verschwindet. Er empfahl deshalb Unternehmen, sich besser aktiv an diesen Medien zu beteiligen als die Dinge sich selbst zu überlassen. Was Soziale Netzwerke inzwischen für die Arbeit und den Alltag bedeuten, zeigte der Social-Media-Berater Oliver Gassner (Steißlingen) auf. Im "Mitmach-Web" hätte heute jeder Blogger die Chance, die Reichweite von erfolgreichen Zeitungsportalen im Internet zu erreichen. Notwendig sei es, eine gute Mischung aus nützlichen und unterhaltsamen Inhalten zu bieten.

Chance für den Protestantismus

Der Theologe PD Dr. Thomas Zeilinger (Fürstenfeldbruck) meinte, es fehle noch "eine angemessene Kultur des Umgangs mit dem Medium". Was für das Buch und für das Fernsehen jahrhunderte- bzw. jahrzehntelang entwickelt sei, müsse sich beim Internet und den Sozialen Medien erst noch herausbilden. Hier sah Zeilinger die Hauptaufgabe von Bildungsinstanzen wie der Kirche: "Sie sollte sich nicht auf den moralischen Zeigefinger und ein prophetisches Wächteramt gegenüber den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen beschränken, sondern aktiv mitmischen und eigene Vorstellungen in den sozialen Netzwerken selbst zur Anschauung zu bringen."
Gerade die protestantische Kirche, der mit Martin Luther am Priestertum aller Getauften liegt, sollte sich hier im Interesse ihrer eigenen Identität beteiligen und erkunden, ob und wie soziale Netzwerke zu neuen Formen sozialer Verbundenheit beitragen können. Zeilinger ermutigte gleichzeitig zur "Medienaskese": man solle sich bewusst Freiräume schaffen, die ohne diese sozialen Netzwerke auskommen: "In Zeiten sozialer Netzwerke ist das Schweigen eine große Kunst".

Soziales Netz

Dipl. Ingenieur Jürgen Gottstein (Remchingen) von der IfKom meinte, dass es Sinn macht, sich mit den Sozialen Netzwerken aktiv auseinanderzusetzen. Das Web 2.0 könne ohne materielle Erwägungen bei eigenen Problemlösungen helfen und sei im Sinne wechselseitigen Gebens und Nehmens durchaus als sozial zu verstehen.
Kulturelle Errungenschaften bewahren
Auf der mit über 110 Teilnehmern gut besuchten Tagung erinnerte Akademiedirektor Siegfried Strobel (Karlsruhe) daran, dass Luthers Botschaft wahrscheinlich untergegangen wäre, wenn er nicht auf den Buchdruck als modernstes Kommunikationsmittel seiner Zeit gesetzt hätte. Wir sollten daher nicht kulturpessimistisch agieren, wenn es im kirchlichen Bereich um die Nutzung neuer Medien gehe. Wichtig sei freilich die Qualität der Inhalte, die Medien verbreiten sollen. Wenn die neuen Technologien den einzelnen Menschen und der Gesellschaft dienen sollen, dürfen Menschen nicht entwürdigt und Hass und Intoleranz dürften nicht verbreitet werden. Kulturelle Errungenschaften dürfen nicht zu Marktpreisen verschleudert werden.

(Ralf Stieber, Evangelische Akademie Baden)