Rechtsextremismus: "Christen dürfen nicht schweigen"
(Karlsruhe, 29.12.2011) Christinnen und Christen müssten sich offen gegen Rechts einsetzen, fordert die Islambeauftragte Annette Stepputat mit Blick auf die Morde der "Zwickauer Zelle":"Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen sollten an der Seite derer stehen, die bedroht, herabgewürdigt und ausgegrenzt werden."
Eine Beunruhigung liegt über dem Land, spätestens, seit bekannt wurde, dass rechtsextreme Motive hinter den Morden an acht Türken, einem Griechen und einer Polizistin standen. Privat und öffentlich wird rassistisches und menschenverachtendes Gedankengut vertreten und es durchzieht alle Schichten der Gesellschaft. Das Potenzial an Zustimmung zu rechtspopulistischen Positionen ist erschreckend hoch und macht auch nicht vor Kirchengemeinden und ihren Einrichtungen halt.
Umso wichtiger ist es, deutlich für eine gleichberechtigte Teilhabe aller einzutreten, die Ideologie der Ungleichwertigkeit – wie sie in der Langzeituntersuchung „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung benannt wird - aufzudecken und Zivilcourage zu zeigen gegenüber allen Äußerungen, die Menschen in ihrer Würde und Geschöpflichkeit Gottes beschneiden.
Es ist erst einige Wochen her, dass in Feierlichkeiten zum 50jährigen Jubiläum des Anwerbeabkommens mit der Türkei, den ehemaligen Gastarbeitern gedankt und ihnen eine wesentliche Rolle im wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands gegeben wurde. In einer Solidaritätskundgebung für die Opfer der Nazi-Morde und ihre Angehörigen liefen aber nur türkischstämmige Menschen mit. Wo waren die Vertreter/innen der Mehrheitsgesellschaft, die so dankbar gewesen waren?
In Wuppertal hat eine kleine Gruppe von Neo-Faschisten eine ganze Demonstration, die sich zum Gedenken jüdischer Opfer des Nationalsozialismus versammelt hatte, provoziert, antisemitische Parolen gerufen. Am Ende stand im Polizeibericht „keine besonderen Vorkommnisse“.
Die Friedensvision des Propheten Jesaja kann uns in der Zeit zwischen den Jahren und am Anfang von 2012 begleiten, wenn es heißt: „Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften“ (Jes. 11,5)
Wenn Menschen von Rechtsextremisten in ihrem Leben beeinträchtigt werden, dann sind Christinnen und Christen gefragt zu handeln, ihren Mund aufzumachen und nicht zu schweigen. Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen sollten an der Seite derer stehen, die bedroht, herabgewürdigt und ausgegrenzt werden.
Es ist eine seelsorgliche Aufgabe von Pfarrerinnen und Pfarrern, junge Menschen und Familien zu begleiten und darauf zu achten, welch eine Mentalität sich ausbildet. Sie sollten die Chancen und Möglichkeiten eines gottgewollten Lebens in Vielfalt aufzeigen, Kontakte herstellen und Vertrauen schaffen zwischen Eingewanderten und Einheimischen.
Die Angst vor der Vielfalt und der Wunsch nach einer homogenen Gesellschaft sei in unserem Land sehr hoch, heißt es in der oben genannten Studie. Ein Gefühl von Machtlosigkeit und ein Vertrauensverlust in die Politik führt zu Ablehnung von Zuwandernden und religiösen Anderen. Umso entscheidender ist es, dass Christinnen und Christen sich klar zu Toleranz und zum Zusammenleben in Vielfalt bekennen.
Nur, wenn soziale, ethnische und religiöse Minderheiten gleichberechtigte Mitglieder unserer Gesellschaft sind, kann das demokratische Fundament dieser Gesellschaft gefestigt werden. Das bedeutet ein engagiertes Eintreten für Demokratie und gegen Rechts. Jede und jeder einzelne sind gefordert zu widersprechen, wo immer eine Minderheit als Zielscheibe dient, um seinem Unmut Luft zu machen.
Die Friedensvision des Jesaja kann den Weg zeigen: „Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein, wie Wasser das Meer bedeckt.“ (Jes. 11,6+9)
